eine Handbreit Wasser unter dem Kiel

Ich bin mit Brüdern aufgewachsen und einmal - ich war vielleicht 10 Jahre alt - habe ich einen Nachbarn, der zwei Töchter hatte, gefragt, warum er keine Söhne hat.
Er antwortete, dass Jungen später einmal einfach gehen, Töchter jedoch weitere Kinder ins Haus bringen. Heute weiß ich, dass er Recht hatte. Meine Mädchen, auf die ich sehr stolz bin, bringen tatsächlich weitere Kinder ins Haus. Manchmal denke ich, dass ich etwas versäumt habe in meinem Leben, denn ich habe kein Motorrad, keinen Segelschein, ich war nicht tauchen am Great Barrier Reaf und ich war auch noch niemals in New York. Das kommt aber noch, sobald ich Eva überzeugt habe. Was ich aber habe - und das wiegt es allemal auf - ich habe zwei Töchter, die mich stolz machen und mein Leben bereichern. Sarah hat mir zudem zwei supersüße Enkel geschenkt und so darf ich die Hoffnung haben, dass es in meinem Leben nicht einsam werden wird. Eva und ich sind seit über 31 Jahren verheiratet und Gudrun und Bernd noch ein paar Jahre länger, soweit ich weiß.

Angesichts der momentanen durchschnittlichen Ehedauer eine ganz schön lange Zeit. Deswegen erscheint es mir angemessen, eine Idee davon zu geben, wie so etwas möglich ist. Der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace hat 2005 eine Rede von Absolventen des Kenyon College gehalten, die mit dieser kleinen Geschichte begann: "Schwimmen zwei junge Fische daher und treffen auf einen älteren Fisch, der in die andere Richtung schwimmt, Ihnen zunickt und jovial fragt: Moin Jungs, wie ist das Wasser? Die beiden jungen Fische schwimmen noch ein wenig weiter, bis der eine schließlich zum anderen hinübersieht und sagt: Was zur Hölle ist Wasser?" Was dann folgte, was ein eindrucksvolles Plädoyer, weit entfernt von irgendwelchen moralischen Forderungen oder Ratschlägen; ein Plädoyer für eine Gesellschaft, deren Individuen sich frei machen von allem Unbewussten, das unsere Tage, unsere Zeit, unser Empfinden bestimmt, für ein Leben in Bewusstheit, in dem jeder um seiner selbst willen entscheidet, was ihm wichtig ist und was nicht. Denn: Was ist Wasser? Wasser, sagte Wallace, das sind die Standardeinstellungen - default settings - unseres Lebens und unseres Glaubens und unserer Wahrheiten und unseres Empfindens.

Das ist der Glaube, ich sei der Mittelpunkt der Welt. Alles Geschehen dreht sich um mich und meine Ziele. Wenn ich müde und abgespannt von der Arbeit nach Hause fahren will, sind mir die anderen im Weg, kein Gedanke daran, dass auch die anderen müde und abgespannt sein könnten. Wenn ich dann noch im Supermarkt einkaufen will. nerven mich die nach ihrem Geld kramenden alten Leute, die herumtollenden Kinder, die vor dem Milchregal grübelnden Frauen, die mir alle den Weg versperren, kein Gedanke daran, dass Alte eben alt sind, Kinder eben Kinder und Grüblerinnen jedes Recht auf Grübeln haben. Kein Gedanke daran, nur meine Ziele, meine Werte, meine Wahrheit. Standardeinstellungen: Wallace sagte, "dies alles sei die Art, wie wir die Welt heute quasi automatisch sehen und erleben, ohne weiter nachzudenken, die Art Glaube, in die man allmählich hineinschlittert, Tag für Tag, während man immer selektiver wahrnimmt und immer selektivere Wertmaßstäbe ansetzt, ohne dass es einem bewusst wäre. Und die Welt wird einen nicht davon abhalten, mit seiner Standardeinstellung zu operieren, denn die Welt funktioniert ja ganz gut so." Die Welt hat diese Kräfte eingespannt und für sich genutzt und es spricht ja einiges dafür, dass wir auf diese Art und Weise immerhin auch die Freiheit gewonnen haben, wie Wallace sagt "die Herren unserer eigenen schädelgroßen Königreiche zu sein, allein im Zentrum unserer Schöpfung". Aber Wallace stellt die Frage, ob es nicht eine viel kostbarere Freiheit gibt, als die des Gewinnens, Erreichens, Herzeigens und des schweigend-reibungslosen Funktionierens, nämlich die Freiheit, sich für etwas anderes als die Standardeinstellungen zu entscheiden, für etwas anderes, als ausschließlich sich selbst als Welt- und Wertmittelpunkt zu erleben, nämlich für, so Wallace "Aufmerksamkeit und Bewusstheit und Disziplin und Bemühen und die Fähigkeit, sich anderen Menschen wahrhaftig zuzuwenden und Opfer für sie zu bringen, wieder und wieder, jeden Tag, auf Myriaden von Arten, die klein, trivial und unsexy sind. DAS ist wirkliche Freiheit, wen ich der Herr über meine Standardeinstellungen bin." Es geht hier nicht um Psychologie, obwohl derselbe Sachverhalt sich natürlich auch in der psychologischen Literatur findet, es geht auch nicht um Religion, obwohl die Geschichte von der "einen Meile" im Prinzip das Gleiche lehrt.

Es geht immer um die Bereicherung des eigenen Selbst, um menschliche Autonomie, in der man sich für etwas anderes entscheiden kann, als zu denken und zu tun, was üblich ist, was mainstream ist, was für die eigenen Standardeinstellungen wahr und wichtig zu sein scheint. Es geht um das Leben in der Familie und das Leben da draußen. Es geht darum, die Vorstellungswelt von Anderen nur als anders zu erleben, nicht als gegensätzlich. Wenn ich meine Standardeinstellungen einigermaßen kenne, weiß ich auch, es sind nur Standardeinstellungen, keine Wahrheiten - deshalb sind sie veränderbar. Ich gebe nichts auf, ich gewinne Freiheit. Es geht um nichts weniger als darum die Welt zu verändern, indem ich mich verändere. Diese eigenen Welt- und Wertvorstellungen und Wahrheiten, das ist das Wasser, das uns umgibt. Also lasst uns darauf trinken, dass ihr immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel eures Schiffes habt und dass ihr immer wisst, es ist nur Wasser.

Auf die Liebe und das Chaos!

von Jochen Baier





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